14.12.2007

Rezi: Angelica

Meine Rezension ist auf der Histo-Couch bereits erschienen - nun auch hier.


von 10
Arthur Phillips
Angelica
Historischer Roman
Goldmann
HC, 416 Seiten
ISBN: 3442310873

Geschliffen geschriebene philosophische Abhandlung

Die junge Verkäuferin Constance lernt den Wissenschaftler Joseph Barton kennen und steigt durch ihre Heirat mit ihm in die höhere Gesellschaft auf. Doch die Ansicht, damit das große Los gezogen zu haben, gerät zunehmend ins Wanken – denn als Mitglied der besseren Londoner Gesellschaft muss sie sich an gewisse Regeln halten. Als sie nach mehreren Totgeburten endlich das ersehnte Töchterchen Angelica in den Armen hält, ist sie nur noch ein Schatten ihrer selbst. Und dann geschehen merkwürdige Dinge …

Geisterwesen oder Einbildung?

Wer sich vom Umschlagstext her dazu verleiten lässt, dieses Buch aus der Vielzahl von Neuerscheinungen zu picken, mag einen historischen Roman erwarten, aus dem er mehr über das viktorianische England erfährt. Er mag von der Anspielung fasziniert sein, er habe es mit mysteriösen Vorgängen in einem riesigen Anwesen zu tun; sogar von Gespenstern und einem Mordplan ist die Rede.

Das Buch umfasst 414 Seiten, so dass der Leser durchaus erwarten kann, nach 322 Seiten eine Handlung zu erkennen, doch Gegenstand dieses Romans ist es eher, die durch das Ausquartieren des vierjährigen Mädchens aus dem elterlichen Schlafzimmer hervorgerufene Veränderung aus verschiedenen Sichtweisen zu beleuchten.

Drei Frauen und ein Mann

Angefangen mit dem Teil der Constance Barton versucht Arthur Phillips hier dem Leser den etwas verworrenen Lebensweg der Dame des Hauses vorrangig aus ihrer Sicht nahe zu bringen. Gelegentlich eingefügte Sätze, die ein Erzähler offenbar an einen Arzt richtet, verwirren mehr, als dass sie hilfreich sind. Wenn ungefähr nach 60 Seiten von einem Zeitungsartikel die Rede ist, in welchem von ermordeten Frauen und ihren Kindern berichtet wird, mag sich der Leser denken, dass nun Spannung aufkommen dürfte. Doch leider wird er enttäuscht werden, denn es ist lediglich ein Zeitungsartikel ohne weitere Bedeutung. Am Ende dieses Teils geschieht dann etwas, das den Leser dazu ermutigt, weiter zu lesen.

Es geht im zweiten Teil um eine Frau namens Anne Montague. Diese nun erzählt den Abschnitt der Veränderung im Hause Barton, wie sie ihn erlebt hat und stellt sich eindeutig auf die Seite der Hausherrin. In diesem Abschnitt erfährt der Leser ein wenig mehr über die Bedienstete Nora, doch wird auch nicht weiter aufgeklärt, was nun tatsächlich geschehen ist. Offenbar hat jeder Familienangehörige eine andere Auffassung und ein anderes Realitätsempfinden von dieser Veränderung.

Im nächsten Teil des Buches nun kommt der Hausherr zu Worte. Nicht minder verwirrend, versucht der Autor viel zu erzählen, aber ohne etwas zu sagen. Wenn bisher noch nicht geschehen, dürfte hier der Leser endgültig die Lust am Weiterlesen verloren haben. Erinnert der Roman doch eher an eine wissenschaftliche oder philosophische Abhandlung als an einen spannenden historischen Roman.

Ohne jegliche Spannung kommt der Leser zum vierten und schlussendlich letzten Teil, der nun endlich den Namen Angelicas trägt. Doch auch wenn sie hier die Erzählerin ist, so geht es doch eher um ihre Erinnerungen und die ihrer Mutter. Ganz am Ende des Buches wird dann endlich aufgeklärt, was überhaupt passiert ist und die Ursache dessen philosophisch und psychologisch zerfasert.

Stilistisch sehr geschliffen, holt der Autor einiges aus einem Thema heraus, welches allerdings lange nicht erkennbar bleibt und weder mit dem Titel noch dem Umschlagstext etwas zu tun hat und durch häufiges Wechseln der Gedanken und Erinnerungen sowie zwischengeschobene Fragen an einen sonst nicht auftauchenden Arzt oder Psychologen äußerst verwirrend bleibt und keine Spannung aufkommen lässt. Während die Farbe des Einbandes durchaus ansprechend ist, hätte der Fehler im Namen des Autors auf dem Buchrücken nicht passieren dürfen.

Dieses Buch kann ich leider nicht empfehlen.

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